Fremdwasserphobie

Ist es gerechtfertigt, dass Fremdwasser heute so oft Neurosen auslöst?

Was ist Fremdwasser?
Fremdwasser ist ein Teil des Abwassers.
In DIN EN 752 ist Fremdwasser als “unerwünschter Abfluss in einem Entwässerungssystem” beschrieben. Diese Definition wird auch im DWA- A 118 verwendet. Der subjektive Begriff “unerwünscht” lässt unterschiedliche Interpretationen zu.
Die DWA-Arbeitsgruppe ES-1.3 “Fremdwasser” hat folgende Formulierung gefunden:
„Fremdwasser ist das in Abwasseranlagen abfließende Wasser, welches weder durch häuslichen, gewerblichen, landwirtschaftlichen oder sonstigen Gebrauch in seinen Eigenschaften verändert ist, noch bei Niederschlägen von bebauten und befestigten Flächen gesammelt und gezielt eingeleitet wurde.
Fremdwasser erfordert aufgrund seiner Qualität keine Abwasserbehandlung, erschwert diese bzw. belastet aufgrund seiner Quantität Abwasseranlagen unnötig und ist unter dem Aspekt des Gewässerschutzes unerwünscht.“

Ein erhöhter Fremdwasserabfluss in einem Kanalnetz hat meistens mehrere Ursachen. Sie können sowohl in der öffentlichen Kanalisation als auch in der Grundstücksentwässerung zu suchen sein. Nicht zu verstehen ist, dass die Leitungen der Straßenentwässerungseinrichtungen heute von den meisten „Fremdwasserexperten“ noch nicht als Risiko betrachtet werden.

Beispiele für Fremdwasser:
- Grundwasser, dass durch Undichtigkeiten in Leitungen eindringt
- Grundwasser, das durch Dränagen in Schmutz- oder Mischwasserleitungen eingeleitet wird
- Bäche, Quellen, Entwässerungsgräben, Überläufe von Brunnen und Versickerungsanlagen, die an der Kanalisation angeschlossen sind

Fremdwasser ist nicht giftig. Sein Vorhandensein löst nicht automatisch einen Handlungsbedarf aus.
Sollte das Fremdwasser dennoch als Begründung für eine Aktion herangezogen werden, ist eindeutig nachzuweisen, dass die Ursache der Probleme und Missstände im Abwassernetz auf Fremdwasser und nicht auf andere Ursachen zurückzuführen sind.

Aus rechtlicher Sicht gibt es keinen festgelegten Grenzwert für den Fremdwasseranteil am Gesamtabfluss.
Demzufolge kann nicht generell gesagt werden, dass bereits ein Handlungsbedarf besteht, wenn der übliche Zuschlag für Fremdwasser bei hydraulischen Bemessungen überschritten wird.
Bemessungswerte für Fremdwasserwerte:
- Schmutzwasserkanäle: 100 % der Schmutzwassermenge. In begründeten Fällen auch mehr.
- Misch- und Niederschlagswasserkanäle: Nicht bemessungsrelevant lt. DWA-A 118

Man muss die Probleme, die durch Fremdwasser auftreten realistisch bewerten.
Probleme können sein:
Betriebliche Probleme:
- Rück- und Überstauereignisse im Kanalnetz
- Lange Pumpenlaufzeiten
- Häufiges Anspringen von Entlastungsbauwerken im Mischsystem
- Unzureichende Reinigungswirkung der Kläranlage

Wirtschaftliche Probleme:
- Erforderliche hydraulische Sanierungen (Querschnittsvergrößerung)
- Erforderliche Vergrößerung von Rückhalteräumen
- Erhöhter Strombedarf durch lange Pumpenlaufzeiten
- Hoher und schneller Verschleiß von Anlagen und Maschinen
- Kurze Wartungsintervalle
- Höhere Abwasserabgabe
- Hoher Zuschlag für Fremdwasser im Klärkostenbeitrag eines Wasserverbandes

Gefährdung der Umwelt:
- Einleitung von Abwasser in Oberflächengewässer durch erhöhte oder unerlaubte Abschläge
- Einleitung von unzureichend geklärtem Abwasser aufgrund von Verdünnungen durch Fremdwasser

Wenn man zu dem Entschluss gekommen ist, dass das Fremdwasser für das Entwässerungsnetz ein nicht hinnehmbares Problem darstellt muss man handeln. Dabei sollte man wirtschaftliche Lösungen entwickeln, die von den politischen Gremien und der Öffentlichkeit akzeptiert werden können. Ein Fremdwasserbeseitigungskonzept für eine Gemeinde sollte von der Gemeinde selbst aufgestellt werden. Nur sie selbst hat die erforderliche Kenntnis über die Zusammenhänge im öffentlichen und privaten Kanalnetz im Gemeindegebiet.